15.10.08 Lesung in Wittstock
„Die Nachhut“ um 19.30 Uhr in der Stadtbliothek Wittstock.
18. Oktober 2008 Ruppiner Anzeiger:
Sehr speziell
Wittstock: Hans Waal las in der Bibliothek aus „Die Nachhut“
Von Christian Schönberg
Der Zuspruch war groß. Die Regale mussten verstellt werden, damit die 70 Gäste in der Wittstocker Bibliothek am Mittwochabend an ihren Tischen Platz hatten. Hans Waal war gekommen. Der Leipziger Autor hat sich einen Ort für seine Lesung gesucht, der etwas Spezielles für ihn ist. Er hat nicht nur eine Zeit lang in der Dossestadt gelebt. Weil sein erstes Buch „Die Nachhut“ seinen Ausgang in der Kyritz-Ruppiner Heide hat (Märker berichtete), spielt Wittstock dort eine tragende Rolle.
„Wenn ich mich ein bisschen verplapper, dann liegt das auch daran, dass ich speziell hier und heute Passagen lese, in denen die Stadt vorkommt; sonst lese ich sie eigentlich nicht“, entschuldigt sich der Autor. Wofür? Die Lacher hat er schnell auf seiner Seite. Grundlage sind die Hauptfiguren, die alten SS-Männer, die mit ihrer Welt und vor allem ihrer eigentümlichen Sprache plötzlich mit der Moderne konfrontiert werden. Jahrzehnte lang in einem Bunker unter der Heide dem gehorsamen Ausharren verpflichtet, müssen sie hoch – und landen in der nahe gelegenen Kleinstadt, einem Dorf in der Prignitz und schließlich in Berlin. Die konkreten Vorbilder werden namentlich nicht erwähnt.
„Es hätte überall sein können – Bernau oder in Hessen“, sagt Waal zu Beginn der Lesung – wieder fast entschuldigend. Aber die Kyritzer Heide lag dramaturgischer Weise nicht nur so nah, weil der Autor sie selbst gut kannte. Dort bombten die Russen schließlich noch jahrzehntelang, so dass Leute im Bunker gern an die Weiterführung des Krieges glauben mochten. Trotz Kontakt mit der Moderne und Menschen, die sie von den veränderten Verhältnissen überzeugen wollen, halten die alten Herren an ihrer Zeit fest. Was sehr konstruiert erscheinen mag, entpuppt sich in der kurzen Zeit der Lesung als Zünden von Lachsalven – sei es, dass die SS-Uniformierten Skinheads für russische Soldaten halten, die total verweichlicht sind, oder ein gepierctes Mädchen als Granatenopfer, das aus lauter „Tapferkeit“ die Splitter in ihren Narben behält. Waals Erzählweise lässt die Lacher selten verstummen – auch wenn sein Buch, was auch in der Lesung zu spüren ist, sentimentale und gesellschaftskritische Momente beherbergt.
Der Applaus war ihm genauso sicher wie die Nachfrage: „Wenn sie die Personen so deutlich beschreiben, da denken Sie doch sicher auch an jemandes Bestimmtes?“ Waal wirkte verlegen, rang um eine Antwort: „Alle Personen in dem Buch sind erfunden – so wie es auch vorne angemerkt ist.“