Oranienburger Generalanzeiger: „Überraschend, intelligent, großartig“
Schüsse auf der A24
„Nachhut“ von Hans Waal lässt vier alte SS-Männer aus einem Bunker bei Wittstock krabbeln
Was für eine Geschichte! Aus einem Bunker bei Wittstock krabbeln vier alte Nazis. Ihr letzter Büchsenöffner ist abgebrochen, und nach 60 Jahren ist jetzt Schluss mit Disziplin und Führerfolgsamkeit unter der Erde. Die vier machen sich auf den Weg in die Reichshauptstadt.
Von Claudia Seiring
Der ist alles andere als einfach, vor allem, nachdem sie vor lauter Aufregung versehentlich auf der A24 einen Reisebus mit amerikanischen Austauschschülern beschossen haben. Denn nun ist die Polizei hinter ihnen her, genauso wie ein Fernsehteam und jede Menge von den greisen SS-Männern begeisterte Neonazis.
Funktioniert eine solche Geschichte im Deutschland des Jahres 2008? Ja, und zwar prächtig – wenn man sich darauf einlässt. … Am überraschendsten ist vielleicht, wie einfach sich die verrückte Idee in die Wirklichkeit fügt.
„Erst als wir mit freiem Blick unter ihm standen, sahen wir das ganze Ungetüm: Eine stählerne Windmühle ohne Mahlwerk. So schnell, wie sich ihre Flügel drehen, hält sie einem sicher Tiefflieger vom Leib. Ein riesiger Propeller zur Luftabwehr – was für eine geniale Idee.“
Nicht nur die Windräder erklären sich den aus der Vergangenheit aufgetauchten Opas wie von selbst. Akribisch notiert Fritz in seinem Tagebuch, wie die ewig Gestrigen die Welt da draußen erkunden. Denn der alte Fritz ist fest davon überzeugt, dass seine Aufzeichnungen irgendwann von der geliebten Liesbeth (die er seit rund60Jahren nicht gesehen hat) gelesen werden. Denn, so Fritz: „Hoffnung ist am Ende auch nur eine Frage der Disziplin.“
Und so marschieren die Alten gen Berlin und finden allerorten Hinweise, die ihren kruden Glauben an den immerwährenden Kampf um den Endsieg zu bestätigen scheinen.
„Rechts und links der Straße zeugen etliche Holzkreuze vom erbitterten Kampf um jeden Meter Heimat. Manche sind mit frischen Blumen, andere mit verwelkten Kränzen oder nassen Teddybären geschmückt. Oft hat man Namen und Daten ins Holz geschnitzt: Vor allem junge Männer leisten immer noch tapfer ihren Blutzoll, die meisten kaum 20Jahre alt. Offenbar ist es üblich, nur die Vornamen der jungen Helden zu ehren, um ihre Familien vor Terror und Rache der Besatzer zu schützen.“
Fritzens Tagebuchaufzeichnungen nehmen den Leser mit in die Gedankenwelt der alten Männer.Waal trifft den richtigen Ton und die Sprache der Alten genau, wenn er Fritz berichten lässt.Doch die Erlebnisse der SS-Männer bilden nur einen der drei Erzählstränge von „Nachhut“. Der zweite beschreibt die Ereignisse mit den Augen von Evelyn Thorwart, die aus den Niederungen antifaschistischer Netzwerke in die SoRex beim Bundeskriminalamt berufen wurde und sich dort am Kampf gegen Neonazis abarbeitet. Die Schüsse auf den Bus rufen sie und ihre Kollegen auf den Plan – unter besonderem Erfolgsdruck, denn schließlich sind Amerikaner involviert. Evelyn, irgendwo in den Vierzigern, rasiert sich die Beine und vertritt in gewisser Weise die 68er-Generation. Durch Evelyn wird die Geschichte um den Blick auf die Hauptstadt erweitert, ihr sind wunderbar komische Erkenntnisse aus den Schaltzentren der Macht zu verdanken.
„Vor der Fahrstuhltür warteten schon die Männer aus der Lobby. Sie mussten die Treppen hinauf gerannt sein und sich gleichzeitig vermehrt haben. Das passierte ständig in Berlin, eine Art Zellteilung von Sicherheitsbeamten, Klone in hellgrauen Anzügen und mit gelben Krawatten.“
Und dann wäre da noch der junge Benjamin, der sich als Assistent eines privaten Fernsehteams auf die Spuren der SS-Opis setzt, obwohl er doch eigentlich viel lieber in einem angesagten Berliner Club auflegen würde. Er übernimmt die Rolle der Generation, die die Erschütterung der 68er über das Erstarken der Rechten mit einem Schulterzucken abtut und unter dem Begriff Vergangenheitsbewältigung lieber verstehen würde, den Kater der vergangenen Nacht loszuwerden. Neonazis sieht Benjamin deshalb vor allem unter ästhetischen Gesichtspunkten.
„Nie wieder würde so etwas Mode oder gar Mainstream werden. Dafür waren allein ihre Outfits zu blöd, ihre Mädchen zu hässlich und ihre Musik zu scheiße.
“Die drei – Fritz, Evelyn und Benjamin – stehen exemplarisch für ihre jeweilige Generation, und wenn man nicht so geschickt wäre, wie Autor Waal, dann hätte „Nachhut“ auch ein ganz schlimmer Zeigefinger-Roman werden können. Das Gegenteil ist der Fall. …
…
„Nachhut“ ist ein intelligentes Buch, es macht Spaß und ist dabei nie oberflächlich. Das Lachen bleibt einem zwar nicht im Halse stecken – aber man wird beim Lesen auch nicht aus der Verantwortung entlassen. Der Verantwortung sich zu fragen: „Na, habe ich diese Plattitüde nicht kürzlich selber verwendet? Diesen dämlichen Gedanken nicht auch gedacht?“ Sehr lesenswert. Eine großartige Geschichte!