Mitteldeutsche Zeitung: „Hochkomische Szenen, kluge Reflexion.“

AUF ZUM LETZTEN GEFECHT

VON PETER GODAZGAR

Was für eine Vorstellung: Am Autobahndreieck Wittstock-Dosse kriechen nachts vier alte Männer ans Tageslicht. Gerade ist ihnen unter Tage der letzte Büchsenöffner abgebrochen – also bleibt nur die Flucht nach vorn: nach sechs Jahrzehnten im Bunker! So macht sich ein tatteriges Quartett auf den Weg nach Berlin – in die Reichshauptstadt. Wenn das mal keinen Ärger macht.

Macht´s natürlich. Die Medienmeute wittert die ganz große Nazi-Story und die Politik fürchtet den ganz großen Skandal. Aus drei Perspektiven erzählt Hans Waal seine groteske Geschichte über „Die Nachhut“, die, ja, was eigentlich ist: satirischer Thriller? Ironische Vergangenheitsbewältigung? Gesellschaftskritische Farce? Tragikomischer West-Ost-Roman?

Tatsächlich gelingt Waal ein Kunststück: Hochkomisch sind die Szenen, in denen die Alt-Nazis aufs neue Deutschland treffen und versuchen, es mit ihren Vorstellungen anzugleichen – denn das neue Deutschland, das befindet sich für die alten Kämpfer immer noch im Krieg. Der Bombenhagel über dem Bunker hörte ja all die Jahre nie auf, denn dort war in Friedenszeiten ein Truppenübungsplatz.

So stolpert der Trupp durch brandenburgische Baumarkt-und Tankstellen-Tristesse und gerät in Jung-Nazi-Veranstaltungen. Bevor es zu platt wird, zieht Waal indes stets die Reißleine – und so wird sein Buch fast nebenbei auch zur klugen Reflexion des gesamtdeutschen Umgangs mit Geschichte, deren lange Arme natürlich auch die handelnden Personen immer mal wieder betatschen.
Mitteldeutsche Zeitung, 12.7.2008

Eine Antwort zu “Mitteldeutsche Zeitung: „Hochkomische Szenen, kluge Reflexion.“”

  1. Starke Story.
    Wenn du Lust hast kannst du uns ja mal besuchen.
    Würde mich Freuen.

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